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Interview mit Regisseurin Marina Kem

Regisseurin Marina Kem

Was hat dich bewogen, aus der Geschichte deines Vaters einen Film zu machen?

Als Kind und Jugendliche hatte ich zu Kambodscha absolut keinen Bezug. Ich wusste, wo das Land auf der Karte zu finden war, aber das wusste ich auch von anderen Ländern. Es hatte mit meinem Leben nichts zu tun. Und ich war auch nicht neugierig darauf. Auch meinen Vater habe ich nicht als Kambodschaner wahrgenommen, sondern einfach als meinen Vater. Erst als ich erwachsen geworden bin, stieg in mir mehr und mehr das Bewusstsein auf: da ist noch mehr. Wer ist eigentlich mein Vater? Was für ein Leben hatte er gehabt? Was ist das für ein Land, aus dem er kam? Habe ich möglicherweise mehr mit der kambodschanischen Kultur zu tun hat, als ich es im Moment ahne? Es war ein Prozess des Erwachsenwerdens, als ich mich Jahre nach der Scheidung meiner Eltern wieder für meinen Vater interessiert habe - und damit auch für Kambodscha. Direkt nach der Schule habe ich eine Journalistenausbildung gemacht und wollte all die neu gelernten Frage-Techniken an ihm ausprobieren. Das blieb zunächst erfolglos, denn über Kambodscha wollte mein Vater damals nicht sprechen - was meine Neugier nur noch mehr gesteigert hat. Als 1999 ein kambodschanischer Verwandter meinen Vater in Dresden ausfindig machte und ihm einen Brief schrieb, wurde mir zum ersten Mal klar, dass es noch lebende Verwandte in Kambodscha gab! Eine Familie! Mein Freund Oliver Neis, der auch einer der drei Produzenten des Films ist, und ich beschlossen aus Neugier, das Land als Touristen zu besuchen. Nach ein paar Gesprächen war klar, dass mein Vater uns begleiten und somit nach 34 Jahren in Deutschland zum ersten Mal wieder seine Heimat betreten würde. Zu dem Zeitpunkt war ich Anfang 20 und studierte auf der Filmhochschule Dokumentarfilmregie. Da hatte ich zum ersten Mal die vage Idee, dass man etwas Filmisches über Kambodscha oder auch über meinen Vater machen könnte, hatte aber noch keine konkrete Vorstellung. Ich wollte erst einmal nur Material sammeln und gucken, was passiert, wie es die Dokumentarfilm-Dozenten immer geraten hatten. Ich habe also meinen Vater gefragt, ob ich ihn für einen unbestimmt in der Zukunft liegenden Film sowohl in Kambodscha als auch in Deutschland drehen könne, mit so einer kleinen Videokamera, wie sie damals gerade auf den Markt kamen, und er war einverstanden.

Als das Projekt startete, lebte dein Vater noch – wie stand er selbst zu deinem Projekt?

Ich bin meinem Vater sehr dankbar, wie groß sein Vertrauen in mich war. Er hat meine Filmabsichten nie infrage gestellt. Er war sehr unterstützend und hat mich machen lassen. Ich glaube auch, dass er sich über die Möglichkeit, diese erste Reise in seine Heimat festzuhalten, und auch über mein Interesse für seinen Lebensweg eigentlich gefreut hat.

Insgesamt habt ihr 14 Jahre an dem Projekt gearbeitet – gab es zwischendurch einmal Phasen, in denen du aufhören wolltest?

Es gab mehrere Jahre innerhalb der 14 Jahre Entstehungszeit, in denen ich keine rechte Idee für den Film hatte. Ich wusste nicht, welche Geschichte erzählt werden sollte und warum und was das Publikum dann davon hätte. Ich wollte keinen Film machen, der nur traurig stimmt. In dieser Zeit war das Projekt in eine unbekannte Zukunft verschoben worden. Es hätte auch sein können, dass nie ein Film daraus geworden wäre. Wir waren uns erst ganz sicher, dass wir einen Film machen wollten, trotz sämtlicher Widerstände, nach der Gründung der STERNTAUCHER Filmproduktion. Denn ab dann hatten wir selbst ein Werkzeug in der Hand, um das Projekt auch langfristig durchzuziehen und durchzuhalten. Es braucht sehr viel Engagement für so ein Projekt – nicht nur von einem Menschen, sondern am besten von mehreren, von einem „harten Kern“ in der Mitte und auch durch  Unterstützung von außen.

Die verschiedenen Ebenen des Films – das persönliche Drama deines Vaters & die traumatische Geschichte Kambodschas – bilden die Folie für deinen persönlichen Weg, der zu einer Versöhnung führt. Siehst du diese Perspektive auch für das Land deines Vaters?

Ich weiß nicht, ob man die persönliche Entwicklung eines Menschen eins zu eins auf ein Land, also ein gesellschaftliches Gebilde, übertragen kann. Doch es gibt sicherlich Parallelen. Im Film werden zwei Geschichten erzählt, zum einen die Lebensgeschichte meines Vaters, der als Teenager in die DDR gekommen ist, sein Leben lang von seiner Familie und seiner Heimat getrennt gelebt hat und erst durch seinen Tod endgültig in sein Heimatdorf zurückkehren konnte. Zum anderen gibt es meine Geschichte der Annäherung sowohl an meinen Vater als auch an Kambodscha. In beiden Geschichten geht es um Trennung und Verbindung. Wenn man diese Themen auf Kambodscha beziehen möchte, kann man überlegen, wie Kriege oder Terror-Regime, wie das der Roten Khmer, entstehen können. Ich denke, es beginnt damit, dass man in anderen Menschen nach den Unterschieden sucht, nach einer Möglichkeit, sich von ihnen getrennt zu betrachten, und das auf ganze Gruppen überträgt: Bevölkerungsschichten, Kulturen, Religionszugehörigkeit, Geschlecht oder Ethnien. Wenn man diese Trennung betont und verteidigt, statt nach dem zu suchen, was einen verbindet, dann entstehen in der Endkonsequenz Vorurteile, Hochmut, Rassismus, Hass, Paranoia, Krieg und Terror. Und gleichzeitig Einsamkeit, Angst und ein Gefühl des Verlorenseins bei den Einzelnen. Insofern sehe ich eine Parallele in der Art, wie der Film erzählt ist. Er sucht und findet die Verbindung und löst damit eine Trennung, die zu Schmerz und Leid geführt hat, auf. Sowohl von der Tochter zum Vater, als auch zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen, zwischen unterschiedlichen Zeiten, und sogar über den Tod hinaus.
 
Wenn ich an meine Verwandten in Kambodscha denke, die die verschiedenen Kriege und die Roten Khmer überlebt haben, kann ich nur ehrfürchtig den Hut ziehen. Dort kann man sehr viel Weisheit im Miteinander beobachten. Das liegt sicherlich daran, dass der Buddhismus trotz Kommunismus, Sozialismus und nun auch Turbo-Kapitalismus nicht verloren gegangen ist, sondern viel Stabilität in die Gemeinschaft bringt. Ich habe viel von den Kambodschanern gelernt. Vor allem, wie sie ihre seelischen Wunden durch Versöhnung, Mitgefühl und Nächstenliebe zum großen Teil bereits heilen konnten. Mein Film kann das im besten Fall reflektieren und den Zuschauer daran teilhaben lassen.

Warum zeigt ihr im Film so viel verschiedenes Material?

Typisch für den Film ist seine mäandernde Erzählweise. Wir haben viele Fotos und Dokumente benutzt, aber auch sehr viel Archivmaterial eingesetzt, um die verschiedenen Erzählstränge zu illustrieren, aber auch um die Gleichzeitigkeit von Geschichten und Geschichte deutlich zu machen. Das war sehr Recherche intensiv! Wir haben mindestens 2000 Fotos und Dokumente gescannt und bearbeitet und in rund 100 Archiven weltweit mehr als 20.000 Clips gesichtet. Ich würde sagen, wir haben alles gesehen, was in Kambodscha je gefilmt wurde und sehr viel, was in der DDR gefilmt wurde. Teilweise haben wir auch in Privatarchiven Material ausfindig machen können, das nun zum ersten Mal veröffentlicht wird.

Ihr arbeitet mit Anima-Dok. War das eine reine Verlegenheitslösung, weil es für bestimmte Situationen kein Bildmaterial gab, oder haben diese Szenen darüber hinaus eine besondere Aussage?

Im Dokumentarfilm steht man immer wieder vor der Frage, wie man etwas darstellen kann, wenn man es nicht drehen kann, weil es zum Beispiel in der Vergangenheit liegt. Es gibt verschiedene Mittel, wie man solche Szenen trotzdem für den Zuschauer erlebbar macht. Die einfachste Variante ist, dass jemand von der Situation erzählt. Alternativ lässt man den Protagonisten im Heute eine ähnliche Situation erleben oder man findet Analogien oder Metaphern. Im sogenannten Dokutainment-Bereich werden solche Szenen gern auch nachgespielt, was ich persönlich nicht besonders mag. Man kann auch Fotos oder andere Dokumente verwenden, die etwas zeigen. Oder man animiert so eine Szene. Dieses filmische Mittel, was sich zurzeit des schönen Begriffs „Anima-Dok“ erfreut, ist ein fantastischer Weg, um den nachvollziehbaren Erzählfluss beizubehalten. Zusätzlich bietet das Abstrakte der Illustrationstechnik die Möglichkeit, noch mehr darzustellen, als es einem mit der „normalen Wirklichkeit“ möglich wäre. Wir haben im Film verschiedene Anima-Dok-Szenen eingesetzt, vor allem dort, wo es um eine Reise ging, sei es eine Reise in Gedanken oder auch eine tatsächliche. Denn das Aufbrechen in eine andere Welt passt ganz hervorragend zum Stilwechsel in die animierte Darstellung. Dabei haben wir unterschiedliche Stile und Techniken angewendet, um den jeweiligen Stimmungen und Inhalten gerecht werden zu können. Von Raum-Animationen, bei denen Fotos oder Karten als Ausgangsmaterial dienten, bis hin zu aufwendigen Animationen von Tuschezeichnungen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie durch solch animierte Szenen Gefühle verstärkt oder Aussagen auf den Punkt gebracht werden können.       

Wenn man also das Bild des Lückenfüllers nimmt, so sind unsere Anima-Dok-Szenen natürlich an Stellen verwendet worden, wo wir kein anderes Material hatten, aber man könnte das vielleicht so vergleichen: an den Stellen, wo uns Brot gefehlt hat, haben wir dafür Schokotorte eingesetzt.

Der Film dokumentiert nicht nur die Geschichte deines Vaters, sondern auch deine Annäherung an sein Leben, seine Kultur, die du am Ende als Teil deiner Identität

kennenlernst und akzeptierst. Hat der Film in dieser Hinsicht für dich auch eine Art identitätsstiftende, um nicht zu sagen, therapeutische Funktion gehabt?

Der Film erzählt in dieser zweiten Ebene tatsächlich meinen Weg der Annäherung: wie ich eine Verbindung gefunden habe, sowohl zu meinem Vater, als auch zu Kambodscha als Teil meiner Herkunft. Wenn man das als sinnstiftend oder gar therapeutisch empfindet, dann freut mich das. Das Machen des Films selbst kann allerdings keine therapeutische Funktion übernehmen. Im Gegenteil: Ich denke, man kann erst dann einen Film machen, in dem man vom Verhältnis zu den eigenen Eltern in erzählerischer Form in der Öffentlichkeit spricht, wenn man eine bestimmte Entwicklung bereits hinter sich hat. Das Schreiben und auch das Machen eines Dokumentarfilms ist, wenn man genau hinsieht, eine sehr chirurgische Angelegenheit. Da sollte man selbst einen sehr stabilen Standpunkt haben und wissen, wer man ist, sonst steht man den Prozess nicht durch. Wenn man als Regisseur und Autor selbst noch problembehaftet, unsicher oder emotional unzuverlässig durch die Gegend und Zeit taumelt, riskiert man damit auch das Seelenheil der Protagonisten oder des Teams. Da verstehe ich den Beruf des Dokumentarfilmregisseurs so, dass man zu Beginn eine Verantwortung gegenüber allen Beteiligten übernimmt und sie auch heil durch stürmisches oder aufwühlendes Fahrwasser bringt.

Noch während der Dreharbeiten ist dein Vater verstorben. Hast du es bereut, ihn nicht viel früher über seine Geschichte befragt zu haben?

Mein Vater hat mit seiner Diagnose Lungenkrebs das Sprechen über ein mögliches Ende zugelassen und sogar initiiert, obwohl er sämtliche Behandlungen mitgemacht hat und die Hoffnung auf Heilung mal mehr, mal weniger da war. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Denn so hatten meine Schwestern und ich fast anderthalb Jahre Zeit, uns intensiv von ihm zu verabschieden. Er hat viel von seiner Vergangenheit, von seiner Kindheit und Jugend gesprochen und überhaupt haben wir ihn in dieser Zeit sehr intensiv neu kennengelernt. Da war ganz viel Ernsthaftigkeit und Liebe in den Gesprächen. Ich hatte zuvor als Jugendliche und junge Erwachsene auch schon ein paar Versuche unternommen, ihn kennenzulernen, hatte ihm Fragen gestellt, die er nicht oder kaum beantwortete. Er lächelte dann und schwieg. Im Nachhinein denke ich, dass zum einen die Stimmung der Dringlichkeit nicht da war, die natürlich existiert, wenn jemand todkrank ist, zum anderen aber auch, dass ich wahrscheinlich nicht reif genug war und die Fragen nur halbherzig gestellt habe. Vermutlich hatte er einfach gewartet, bis ich soweit war. Um die Frage der Reue zu beantworten, ich spüre keine Reue, sondern nur Dankbarkeit für diesen schönen, natürlich sehr traurigen, aber erfüllenden Abschied, den mein Vater durch seine Klarsicht und Liebe möglich gemacht hat.

Was bedeutet der Film für deine Familie in Deutschland? Hat er für deine Schwestern und deine Mutter eine ähnlich versöhnliche Kraft wie für dich?

Das fällt mir schwer zu beantworten, das können sie natürlich nur selbst. Aber ich denke schon.

Ihr habt, um Bonne Nuit Papa zu produzieren, eure eigene Filmproduktion Sterntaucher gegründet. Wart ihr von Anfang an als Team zusammen oder hat sich die Zusammenarbeit erst im Laufe der Arbeiten am Film ergeben?

Ich habe eine Weile versucht, die Geschichte verschiedenen Produktionsfirmen anzubieten, und dabei war relativ schnell klar, dass das Interesse gegen Null ging. Das Projekt sah einfach nach viel Arbeit, wenig Geld und wenig Chancen auf Erfolg aus. Also war die Konsequenz daraus, es selbst in die Hand zu nehmen. Oliver Neis, der zweite Produzent und ich sind ein Paar und wir haben dann zufällig genau in dieser Zeit einen engagierten, wild entschlossenen Producer kennengelernt, Stefan Heinen, den dritte Produzenten des Films. Zusammen haben wir dann die Sterntaucher Filmproduktion gegründet. Das war 2010 und „Bonne Nuit Papa“ war unser erstes großes Projekt. Insofern haben wir drei von Anfang an den Film gemeinsam „aufs Gleis“ gestellt und produziert.